Missverstandene Toleranz
Heinz Pfander
Das lateinische Verb «tolerare» bedeutet im Grundsatz «duldsam und nachsichtig sein».
Nun scheint aber unserer Gesellschaft und im herrschenden Zeitgeist nicht mehr ganz so klar zu sein, wer als tolerant oder intolerant gilt!
Verursacher von Emissionen irgendwelcher Art sind selbstverständlich nicht tolerant, erwarten aber oft, dass die Umgebung mit ihrem Tun einverstanden, duldsam und nachsichtig ist.
Als tolerant sollten also diejenigen gelten, welche all dies ertragen, aber wegen fehlender Zivilcourage häufig nur die Faust im Sack machen, damit die Kirche ja im Dorf bleibt. Logisch – müsste man meinen…
Bleiben wir gleich bei der Kirche. Wo bleiben Rücksichtnahme und Toleranz, wenn die christliche Werbeabteilung partout nicht einsehen will, dass über 300 Glockenschläge während der demokratisch verordneten Nachtruhe ein völlig unnötiges und verstaubtes Relikt aus uralten Zeiten ist. Kaum jemand wartet nun wirklich darauf, dass nachts zwischen drei und vier Uhr 49 Schläge in die stille Nacht hinaus donnern. Für all jene, welche trotzdem gut schlafen, sind die Dezibelbomben eh für die Katz!
Oder was meinen Sie zum Littering? Schon nur die Tatsache, dass man dafür ein mittlerweile salonfähiges Extrawort verwendet und nicht einfach von Sauerei spricht, sagt alles. Zu Füdlibürgern werden diejenigen gestempelt, welche den Abfall in den Papierkorb legen und womöglich die Fehlbaren noch darauf aufmerksam machen!
Oder… warum wird von immer den gleichen Leuten der Rasen genau dann gemäht, wenn die Nachbarn am Essen sind? Und warum dürfen Hunde stundenlang und zu allen Unzeiten herumbellen, während man Kinder zu Anstand und Vernunft ermahnt? Ist es okay, wenn ganze Quartiere nach getaner Arbeit übenden Musikanten zuhören müssen und auch der sechsunddreissigste Versuch, den immer gleichen Ton vom Puurebüebli zu treffen, scheitert? Wehe denjenigen, die sich darüber beklagen!
Auch in der Politik wird vielfach das Pferd beim Schwanz aufgezäumt! Es ist schlicht und einfach unfair, wenn gute Steuerzahler, welche den Wohlstand der Gemeinschaft sichern, immer von gleicher Seite verunglimpft und als unsozial bezeichnet werden.
Man kann auch nicht von fehlender Toleranz sprechen, wenn gewissen Leuten in diesem Land die Ausreise empfohlen wird. Wer einfach nur profitiert, sich nicht an die Regeln hält und womöglich noch kriminell ist, hat kein Anrecht auf eine ignorierende Kuschelpolitik. Hier wäre, zugunsten der anständigen und arbeitswilligen Mehrheit, eine absolute Null-Toleranz legitim und heilsam.
So hört Toleranz bekanntlich da auf, wo Rücksichtnahme gefordert wäre, und das Einschalten des gesunden Menschenverstandes hat bekanntlich noch niemandem geschadet.
Erschienen in den Freiburger-Nachrichten, 27.10.2011